"Helnwein - Die Stille der Unschuld"
Claudia Schmid, Deutschland 2009, 116 Min.
Der Film wurde als Beitrag für das 24. INTERNATIONALE MÜNCHNER DOKUMENTARFILMFESTIVAL 2009 ausgewählt.
DOK.FEST München ist Deutschlands größtes und ein weltweit anerkanntes Festival für den langen Kinodokumentarfilm,
ein »Best-of«-Festival, das international herausragende Filme des vergangenen Jahres präsentiert.

Premiere:
SO 10.05. | 14.00 | Pinakothek der Moderne, Ernst von Siemens-Auditorium
MI 13.5. um 17:00 Gasteig Vortragsaal

 

Gottfried Helnwein: The Disasters of War 24, 2007, oil and acrylic on canvas
Gottfried Helnwein: The Disasters of War 24, 2007, oil and acrylic on canvas

Zitate aus dem Film:

Prolog

00:00:39 Gottfried Helnwein im ON:
Bei meiner ersten Ausstellung im Künstlerhaus in Wien, es war eine Gruppenausstellung von vier, fünf Studenten der Akademie, habe ich meine Aquarelle verwundeter und bandagierter Kinder ausgestellt und habe dann dazu ein Hitlerbild, in Öl dazugehängt. Um die Bilder in die Ausstellung zu transportieren, habe ich ein Taxi gerufen, und als das große Hitlerbild in den Kofferraum geschoben wurde mit Hilfe des Taxifahrers, sagte der Taxifahrer zu mir: „Das ist ja ein Führerbild! Wo haben Sie das her?“ Und dann habe ich gesagt: „Ich habe das gemalt.“ „Das haben Sie gemalt? Moment.“ Dann läuft er nach vorn. „Warten Sie!“, geht ans Handschuhfach und kommt strahlend zu mir und sagt: „Schauen Sie mal her“ und öffnet die Hand und hat drinnen einen kleinen silbernen Totenkopf liegen und er zwinkert mir zu und sagt: „Das waren wir.“ Ich wusste nicht mal was das war. Ich kam erst später drauf, dass das das Zeichen der SS war, und er hat dann während der Taxifahrt in unglaublicher Euphorie über diese Zeiten geschwärmt. Er hat gejubelt, geschrien: „Wir sind damals aufgestanden wie ein Mann. Herrliche Zeiten waren das.“ Und: „Und noch heute, wenn ich die Kameraden treffe.. usw.“, in diesem Jargon eines Wieners, der Hochdeutsch reden will. Er hat die ganze Fahrt geschwärmt. Es war für mich ein bisschen mulmig, weil ich daneben sass und aussah wie ein Hippie mit meinen langen Haaren und der roter Samthose. Ich dachte immer, wenn der jetzt aufwacht und mich ansieht, dann muss er merken, dass ich bin der Feind bin, aber er hat überhaupt nichts bemerkt. Seine Euphorie hat ihn einfach fortgetragen.


00:02:36 Gottfried Helnwein:
In der Ausstellung ist erstaunlich viel passiert. Zum ersten sind alle meine Bilder nach kurzer Zeit mit kleinen Stickern überklebt worden , auf denen stand: „Entartete Kunst.“ Ich wurde mit meiner Nase direkt in dieses Thema hineingestoßen. Die Leute haben über meine bandagierten Kinder gerätselt. Ist das ein Geisteskranker, der das malt? Ist das ein Wahnsinniger? Und wenn ich mich zu erkennen gegeben habe, als der, der das verbrochen hat, waren die Leute meistens noch mehr verwirrt. Sie haben gesagt: „Sie scheinen ja ganz normal zu sein, wieso machen Sie denn so was?“ Und dann immer die hoffnungsgeschwängerte Frage: „Haben Sie eine schreckliche Kindheit gehabt? Wurden Sie missbraucht?“ Diesen Bildern ausgeliefert zu sein ohne Erklärung, schien das Unerträgliche für die Leute zu sein.

 

 

00:05:15 Gottfried Helnwein:
Das wichtigste Element in der Kunst ist Freiheit und Unabhängigkeit. Die Freiheit, alles auszudrücken, was einem wichtig ist. Selbst, wenn es gegen den Geist oder das Diktat der Gesellschaft ist. Nur der Künstler selber weiß, was für ihn Integrität ist, was wichtig ist, was unwichtig ist, was richtig und was falsch ist.

 

00:06:23 Gottfried Helnwein:
Als Künstler muss man in die Einsamkeit gehen innerlich. Das heißt, man muss irgendwann diese Konventionen überwinden und seine eigenen Schritte machen. Es gibt keinen Ausweg und daher wird der Künstler immer bis zu einem gewissen Maße Gegenspieler der Gesellschaft sein. Er wird immer suspekt sein, er wird immer am Rande zur Illegalität oder zumindest zur Peinlichkeit sein. Das lässt sich gar nicht vermeiden und da der Künstler mit seiner Arbeit ja diese Gesellschaft, die Zeit, die Ängste, die Sehnsüchte, den Wahnsinn, den Schwachsinn reflektiert, muss er mit einem Bein trotzdem mitten in der Gesellschaft stehen und dieser Seiltanz, dieser Balanceakt zwischen außerhalb der Gesellschaft sein in seinem eigenen Universum und doch bis zu einem gewissen Grad auch in der Gesellschaft, das ist die große Schwierigkeit jeder Künstlerexistenz.

 

00:10:13 Gottfried Helnwein:
Blut hat ja eine ganz große Bedeutung, auch eine magische, eine mythische. Ich bin ja in einem Kulturkreis aufgewachsen, in dem das Blut eine ganz große religiöse Rolle spielt. Die ersten Bilder, die ich in meiner Kindheit gesehen habe, waren Darstellungen gefolterter, blutüberströmter Menschen: Sankt Sebastion, von Pfeilen durchbohrt, Jesus, der gegeißelt wird , die Dornenkrone, das Herz Jesu, aus dem eine Flamme züngelt und und aus dem Blut heraustropft. Das heißt, es ging eigentlich immer um das Blut, auch in diesem Schlüsselspruch des Erlösers: „Wer mein Fleisch nicht isst und mein Blut nicht trinkt, wird nicht eingehen ins Himmelreich.“ Und in der Kirche haben wir gesungen: „Jesu drücke deine Schmerzen tief in alle Christenherzen.“ Es ging immer um das Blut und den Schmerz.

 

00:14:16 Gottfried Helnwein:
Ein Faktum ist, dass all die Gewalt, die Folterungen, die Hexenverbrennungen, die Inquisitionen, die Gewaltorgien, die die Geschichte der Menschheit durchziehen, zu 99 % von Männern verübt wurden. Es scheint ein Grundbedürfnis in der männlichen Psyche zu sein, zu zerstören, totzumachen, Schmerzen zu verursachen und alles Leben zu riskieren. Das heißt, diese Sehnsucht nach dem Tod und die Lust zu töten, ist offensichtlich ein Teil des Männlich-Seins ist. Ich kenne viele Männer, die sich erst richtig wohlfühlen, wenn sie sich geprügelt, jemandem die Nase gebrochen haben. Dann fällt man sich auch um den Hals, man hat endlich das Gefühl gehabt hat, man hat gelebt.

 

00:17:10 Gottfried Helnwein:
Ich habe schon sehr früh als Kind gemerkt, dass ich in diese Gesellschaft nicht wirklich hineinpasse und mir war immer, schon als Kind, schon in der Schule, nach Revolution zumute. Eigentlich wollte ich ja dazugehören, ich wollte so sein wie die anderen, aber ich merkte schon sehr früh, dass es hinten und vorne einfach nicht passte. Es gelang mir nicht. Dann saß ich da und habe immer taggeträumt und mir High School-Massaker ausgemalt. Ich habe gedacht, ich muss da durchgehen und alles in die Luft sprengen. Es war natürlich nur Imagination. Aber Ich habe einfach nicht gesehen, welche Funktion ich in dieser Welt haben könnte. Ich habe mir alle Rollen und Berufe überlegt und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass in dem Angebot nichts drinnen war, das für mich in Frage käme. Auch Künstler zu sein, war damals eine schreckliche Vorstellung für mich, denn ich dachte, dass sind Leute, mit großen Rauschebärten und Baskenmützen, die in langen Nachthemden an der Staffelei stehen und irgendeinen abstrakten Schwachsinn malen.

 

00:24:20 Gottfried Helnwein:
Ich glaube, jede Art von Kunst ist der Versuch, eine Gegenwelt zu erschaffen. Das heißt, es ist eine Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie einem vorgesetzt wird, diese Bürger- und Spießerwelt, in die man hineingedrängt wird und aus der es für die meisten Menschen keine Fluchtmöglichkeit gibt. Für den Künstler allerdings schon. Und gäbe es diese Künstler nicht, dann würde jede Gesellschaft in kurzer Zeit zu Beton erstarren.

 

00:26:01 Gottfried Helnwein:
Im Grunde meines Herzens bin ich wahrscheinlich ein italienischer Barockmensch. Ich habe Freunde in Süditalien, wo ich oft bin und auch arbeite, und dort finde ich die Welt, die mir am meisten vertraut ist: das Leben im Chaos der Großfamilie. Und wo immer ich hingehe, nehme ich das mit. Da wir viel herumziehen als Familie, so wie eine Zigeunertruppe oder ein kleiner Zirkus, bringen wir unser barockes Süditalien immer mit, nach Irland, nach Los Angeles, wo immer wir gerade sind.

 

00:26:56 Gottfried Helnwein:
Ich habe meine Kinder immer als Partner betrachtet, als Freunde. Vom ersten Moment an und habe mit ihnen über alles gesprochen, über Politik, über Geschichte, über all die Dinge, die mich halt beschäftigt haben, und ich bin der Meinung, dass man vor Kindern nichts zurückhalten muss und ihnen alles erzählen kann.

 

Ich bin im Wien der Nachkriegszeit geboren worden und in meiner Erinnerung war das ein schrecklicher Ort. Viele Häuser waren zerbombt, alles war schwarz und schwer. Ich war umgeben von hässlichen, grantigen, schlecht aufgelegten Leuten, und hatte immer den Eindruck, ich bin am falschen Ort gelandet. Ich wusste immer, dass ich da nie sein wollte und habe auch immer gespürt, dass irgendwas Schreckliches passiert sein muss, ohne zu wissen, was es war. Die Leute waren ja auch nicht fähig, irgendetwas zu sagen, sich zu artikulieren und es war eine Art von seltsamer Stille über allem, eine Welt nach dem Untergang. Es war ein bisschen so wie in Mad Max, nur viel fader.

 

00:53:31 Gottfried Helnwein:
Ich hab‘ bemerkt, dass die Zeit und der Aufwand, den man in ein Bild investiert und die Menge an Pinselstrichen, die man aufträgt, mit der Intensität eines Bildes zusammenhängen, obwohl man nicht genau den Finger drauf legen kann und sagen kann, warum das so ist. Mein Idealzustand wäre ein Atelier mit Hunderten Bildern, die ich nie beenden muss. Ich könnte herumgehen und die Bilder immer wieder betrachte und dann entscheiden: „Okay, da will ich weiter machen.“

 

00:54:33 Gottfried Helnwein:
Ich glaube auch, dass sich ein Bild, das über Jahrhunderte von Leuten bewundert wird, tatsächlich verändert. Wenn man sich heute ein Bild von Rembrandt ansieht, so ist das nicht nur ein Stück Leinwand mit ein paar Milligramm vertrockneter Farbe drauf, was wir wahrnehmen. Es ist ein Energiefeld, das aufgeladen ist durch diese Millionen Menschen, die es betrachtet und bewundert haben und ergriffen davon waren. Ich glaube, wenn man so ein Bild ansieht, spürt man all das mitschwingen.


 

Gottfried Helnwein: Modern Sleep 3, 2004, photograph
Gottfried Helnwein: Modern Sleep 3, 2004, photograph

 

Gottfried Helnwein: The Disasters of War 3, 2007, 200 cm x 293 cm, mixed media (oil and acrylic on canvas). In Memory of Francisco de Goya
Gottfried Helnwein: The Disasters of War 3, 2007, 200 cm x 293 cm, mixed media (oil and acrylic on canvas).
In Memory of Francisco de Goya

 

CREDITS
WRITTEN & DIRECTED BY - CLAUDIA SCHMID
CAMERA - SUSU GRUNENBERG
SOUND - JENS KRäHNKE
EDITING - KAWE VAKIL
SOUND MIXING - CHRISTOF GLADE
COLOUR CORRECTION - DANY SCHELBY
SUBTITLES - RALPH SIKAU, PARABOL PICTURES
PRODUCTION MANAGER - MONIKA MACK
PRODUCER - BIRGIT SCHULz
COMMISSIONING EDITOR - REINHARD WULF
PRODUCED BY BILDERSTURM
FILMPRODUKTION IN COPRODUCTION WITH WESTDEUTSCHER RUNDFUNK (WDR)
COLOUR, PAL, 16:9, 116 MIN.

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